Das Kleine Licht

Vieles haben unsere Kinder in den letzten Monaten in Kindergarten und Schule erfahren und gelernt. Sie haben kleine und große Schritte auf ihrem Weg zu Konzentration und Selbstständigkeit gemacht. Als Eltern und Lehrer haben wir sie dabei mit viel Liebe und Verständnis begleitet. Der Pädagoge Franz Fischereder sagt: “Führe Euer Kind immer nur eine Stufe nach oben. Dann gebt ihm Zeit zurückzuschauen und sich zu freuen. Lasst es spüren, dass auch Ihr Euch freut, und es wird mit Freude die nächste Stufe nehmen.”

Für das bevorstehende Weihnachtsfest haben wir folgende Geschichte gefunden, die sich wunderbar zum Vorlesen in der Familie eignet:

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In einem Wald stand ein winziger Tannenbaum zwischen lauter Riesen. «Winzling», lachten die Riesen, wenn sie sahen wie er sich vergeblich streckte, um nur einmal ein Stück Himmel zu ergattern. «Verschwinde! Ich brauche Platz!» zeterte ein Farnstock, der neben ihm stand. Dabei wuchs er immer schneller, rollte seine Blätter auf und breitete sie nach allen Seiten aus. Winzling blieb an Ende nichts als Schatten.

Ich muss sterben, dachte der winzige Tannenbaum. Doch da erschien auf einmal ein kleines Licht in der Dunkelheit. «Was fehlt dir?» fragte das Kleine Licht. «Ich möchte gross werden, um endlich den Himmel zu sehen. Ach, hätte ich Flügel wie die Vögel, die mir davon erzählt haben.»

«Du brauchst keine Flügel!» flüsterte das Kleine Licht. «Du hast Wurzeln.»
Mit diesen Worten verschwand das Licht und es wurde dunkel wie nie zuvor. Wie zuvor lachten die Riesen über ihn. Der Farnstock hörte nicht auf zu zetern und sich breit zu machen. «Ich habe Wurzeln», sagte Winzling. Er spürte sie zum erstenmal. Sie begannen sich zu regen, und bald liefen sie in alle Richtungen und ihrem Weg zu finden. Der Boden, auch wenn er sich mit Knollen und Steinen dagegen wehrte, musste ihnen weichen. Sogar eine Maus machte sich erschrocken davon.

Winzling wuchs nicht in den Himmel hinauf, sondern tief in die Erde hinein. Winzling war so beschäftigt, sich seinen Platz zu erobern, dass er keine Zeit mehr fand an den Himmel zu denken. Er nahm kaum wahr, wie der Herbst ins Land zog, wie ein Sturm die Kronen der Riesen zerzauste, wie der erste Frost die Blätter des Farnstocks lähmte und von seiner Pracht nichts übrig liess als einen hässlichen braunen Strunk. Winzling wurde nicht nur grösser, sondern auch stärker. Um seinen Wipfel bildete sich jedes Jahr ein neuer Kranz von Ästen. Und als er eines Tages in die Höhe schaute, sah er staunend den Himmel, zum erstenmal die Sonne, leuchtend und schön. Aber auch das Kleine Licht, den winzigen Sonnenstrahl, der ihn aus seiner Dunkelheit erlöst hatte. (Max Bolliger)

 

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